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Der Tempel unter dem Kartoffelacker

Grabungen in Yria auf der griechischen Insel Naxos

Projektleitung

Prof. Dr. Gottfried Gruben (†)

Dr.-Ing. Aenne Ohnesorg

English summary

In 1986, workers found a large marble block in Yria on the Greek island of Naxos, which had been the doorstep of a monumental temple. After this finding, Prof. Dr. Gottfried Gruben turned to the Gerda Henkel Foundation for financial support for an excavation. The archaeological project brought to light a granite temple foundation dating back to 570 BC and even revealed a preceding temple from 700 BC. While the second monument adopted the structural features of the older temple, it showed signs of monumentalization, which became common in the sixth century BC. The question to whom this ancient temple was dedicated was answered by the finding of an armored statue. Its relief showed Marcus Antonius impersonating Dionysus, a figure who is closely connected with the island. In subsequent years, the excavation revealed a total of four temples and brought many new insights into Greek architecture.

Im August 1986 machten griechische und deutsche Archäologen und Bauforscher in Yria auf der griechischen Insel Naxos eine bedeutende Entdeckung: Sie fanden einen vier Meter langen und vier Tonnen schweren Marmorblock, der die Türschwelle eines monumentalen Tempels gewesen sein musste. Schon in den 1930er Jahren hatte der deutsche Archäologe Gabriel Welter auf den Äckern von Yria Marmorfragmente von Säulen gefunden, die auf ein Heiligtum hindeuteten. Doch die genaue Lage des vermuteten Tempels war weiterhin im Dunklen geblieben. Auch physikalische Untersuchungen der Ackerflächen hatten nur Hufeisen und Eisenrohre zur Bewirtschaftung der Ackerböden hervorgebracht.

Nach dem Fund der Türschwelle leiteten der Archäologe Prof. Dr. Vasilis Lambrinoudakis von der Athener Universität und der Bauforscher Prof. DrSchon seit den 1930er Jahren hatten Bauern auf ihren Äckern in Yria immer wieder Marmorfragmente von Säulen gefunden, die auf einen Tempel hindeuteten. Gottfried Gruben von der Technischen Universität München eine Grabungskampagne ein, die von der Gerda Henkel Stiftung finanziell unterstützt wurde. Die Grabung brachte nach und nach ein dreizehn Meter breites und 21 Meter langes Bauwerk auf einem zerfallenen Granitfundament zutage, das um 570 v. Chr. datiert. Mit dem Fortschreiten der Grabung kamen unter dem gestampften Fußboden sogar Spuren eines noch älteren Tempels aus der Zeit um 700 v. Chr. zum Vorschein: flache, dünne Steinplatten, die dünne Holzsäulen getragen haben mussten. Dieser fast zehn Meter breite Tempel wurde über ein Jahrhundert später von dem größeren Neubau regelrecht „ummantelt“. Der Neubau übernahm die Ausrichtung und die dreischiffige Raumteilung des älteren Tempels, zeigt jedoch deutlich die Tendenz zur Monumentalisierung im sechsten Jahrhundert v. Chr. an: So konnte der Tempel über eine Vorhalle mit vier Marmorsäulen von acht Metern Höhe, die ein Gebälk und einen Giebel ebenfalls aus Marmor trugen, betreten werden. Der Baukörper des Tempels bestand aus verputzten Granitquadern, versehen mit einem gewaltigen Marmorportal. Die durch komplizierte Scharniere befestigten Türflügel waren mit Bronzeblechen beschlagen. Nach jahrhundertelanger Nutzung wurden die Mauern eingerissen, wahrscheinlich erst, nachdem der Bau in frühchristlicher Zeit noch als Kirche umgenutzt worden war.

Für das Forscherteam blieb jedoch die zentrale Frage: Welcher Gottheit war dieses frühe, große und reiche Heiligtum gewidmet? Am 13. Grabungstag der ersten Kampagne kam unter einem Trümmerhaufen zerschlagener Säulen eine Marmorstatue mit Panzer ans Licht, die das Kultbild des Tempels gewesen sein könnte, jedoch ohne Attribute schwer zu deuten warWas hatten hellenistische oder römische Panzerstatuen in einem Tempel zu suchen?. Kurz darauf wurde im Tempel eine zweite Statue mit Brustpanzer entdeckt. Was hatten solche hellenistische oder römische Panzerstatuen in einem Tempel zu suchen? Prof. Lambrinoudakis löste mit der Deutung der beiden Panzerstatuen zugleich das Rätsel um das Kultbild des Tempels. Die Reliefdarstellungen auf dem Brustpanzer des größeren Torsos weisen eindeutig auf Marcus Antonius (83–30 v. Chr.) hin, der sich als neuer Dionysos inszenierte. Das Heiligtum von Yria war offenbar Dionysos geweiht. Für die Deutung spricht auch, dass Naxos eng mit Dionysos verbunden ist: Auf der Insel soll Dionysos bei den Nymphen aufgewachsen sein und hier wurde er zum Gott des Weines.

In weiteren elf geförderten Grabungskampagnen konnte das Hauptheiligtum von Naxos in seinen Details untersucht werden, das für die griechische Architekturgeschichte grundlegende Ergebnisse erbracht hat. So ließen sich bis 1997 insgesamt sogar vier Tempel nachweisen, die die Entstehung der Architektur vom einfachen Oikos bis zum monumentalen Marmortempel dokumentieren; die beiden ältesten datieren ins frühe 8. Jh. und um 730 v. Chr.

In einem Schreiben an die Gerda Henkel Stiftung vom Februar 2000 fasste Professor Gruben die langjährige Unterstützung mit den folgenden Worten zusammen: „Die 14-jährige verständnisvolle Förderung, bei der alle zwei Jahre mit einem Bericht über neue Entdeckungen auch ein neuer Antrag eintraf, hat der Stiftung sicher einige Geduld abverlangt. Frau Maskell, welche Yria als ‚die Henkel-Grabung‘ bezeichnete, hätte sich sicher sehr gefreut, dass nun ein großes, vielschichtiges Heiligtum des Dionysos aus den Kartoffeläckern aufgetaucht ist, – sicher die wichtigste Entdeckung in Griechenland während des letzten Jahrzehnts.“

Projektinformationen

Projekttitel Das Heiligtum von Yria auf Naxos
Projektleitung    Prof. Dr. Gottfried Gruben (†) Dr.-Ing. Aenne Ohnesorg
Institution TU München
Fachbereich Archäologie
Datierung 700 v. Chr.

Karte

Projektort
   
Projektleitung
Prof. Dr. Gottfried Gruben (†)
Dr.-Ing. Aenne Ohnesorg

Sämtliche Abbildungen entstammen dem Forschungsprojekt und wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Dr.-Ing. Aenne Ohnesorg.

Portrait von Frau Dr. Ohnesorg: privat.

Bild von Prof. Dr. Gruben: Diathek, Lehrstuhl für Baugeschichte, München.

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Das Aufblühen eines Orchideenfachs