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Am Anfang war die Aphrodite

1978

In guter Nachbarschaft

1979

Alles auf eine Karte

1980

Mit dem VW-Bus durch England

1981

Der erste Stiftungslehrstuhl

1982

Der Rechtsstaat – eine Idee, zwei Wege

1983

Auf Wachs geschrieben

1984

Der weiße Blick auf das vorkoloniale Afrika

1985

Gläserne Antike

1986

Eine Kirche ohne Ecken und Kanten

1987

Begrabene Papstkirche

1988

Forschungen über die Peripherie der Peripherie

1989

Die Toten von Assos

1990

Der Tempel unter dem Kartoffelacker

1991

Wissenschaft international – Stationen einer Karriere

1992

Die verschwundenen Burgen des Breisgaus

1993

Ausgezeichneter Nachwuchs

1994

Ein 2000 Jahre altes Schiff geht auf Reisen

1995

Kontinuitäten oder revolutionärer Bruch?

1996

Antikes Wohnen

1997

Wiederaufnahme einer Forschungstradition

1998

Das Erbe des Wettergottes

1999

Mit Sinn und Verstand

2000

Ein Spaziergang durch die Menschheitsgeschichte

2001

L'art pour l'Académie

2002

Forschung ohne Grenzen

2003

Das Aufblühen eines Orchideenfachs

2004

Anweisungen für den Weltanschauungskrieger

2005

Vom Krieg zum Krieg

2006

Eine Weinlaube in der Wüste

2007

Referenzrahmen des Krieges?

2008

Eine umgekehrte Pyramide in der Erde

2009

Kuti-e Baghtscha – Ein Garten mit Aussicht

2010

Gelebter Glaube

2011

Der Krieg im Familiengedächtnis

2012

Jede Menge Arbeit

2013

Grenzverläufe

2014

Malis Erbe auf der Flucht

2015

Ein Zuhause für die Götter

2016

Mare Nostrum

1999

Mit Sinn und Verstand

Kommentierte Gesamtausgabe des Nachlasses von Wilhelm Heinse

Projektleitung

Prof. Dr. Adolf H. Borbein

Prof. Dr. Dr. h. c. Thomas W. Gaehtgens

Prof. Dr. Volker Hunecke

Prof. Dr. Werner Keil

Prof. Dr. Norbert Miller

  Heinse beschreibt Kunstwerke, als ob sie lebendig wären, aus Fleisch und Blut.
(Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung)

Wilhelm Heinse (1749-1803) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller, Kunst- und Musiktheoretiker des 18. Jahrhunderts. Schriften wie seine Briefe zu Gemälden in der Düsseldorfer Galerie (1776) machten ihn früh zu einem vielbeachteten Autor. Sein Roman Ardinghello und die glückseeligen Inseln (1787) sorgte als erster Künstler- und Renaissanceroman der europäischen Literatur wegen der erotischen Szenen für Aufruhr und machte Furore wie wenig andere Bücher dieser Jahrzehnte. In seinen Aufzeichnungen erweist sich der Autor als Universalgelehrter, von dem der Mitherausgeber Prof. Dr. Norbert Miller schreibt: „Wilhelm Heinse war vielleicht der größte, jedenfalls der freieste Genius des europäischen Klassizismus, morgenleicht in jedem Erlebnis und untrüglich im ästhetischen Urteil. […] Nur hinderte ihn die Eigenart seiner Begabung an vielleicht geplanten ausgreifenden Werken.“ Selbst Goethe reagierte enthusiastisch auf Heinse: „Das ist mein Mann! […] Man muß ihn bewundern oder mit ihm wetteifern“.

Heinses Nachlass in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main besteht aus 63 Notizheften und Konvoluten und war lange Zeit einer der ungehobenen Schätze der Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Seine Aufzeichnungen enthalten Texte zur Kunst und Literatur, kunst- und musiktheoretische Reflexionen, Auseinandersetzungen mit Platon und Rousseau, Ideen zum idealen Staat, der freien Liebe und Überlegungen zur Geschichte der Sexualität. Einen wichtigen Platz nehmen Reiseberichte ein, in erster Linie von seiner Italienreise 1780 bis 1781. Im Jahr 2000 begann eine Forschergruppe um die Literaturhistoriker Prof. Dr. Markus Bernauer und Prof. Dr. Norbert Miller, den Kunsthistoriker Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens, den Musikhistoriker Prof. Dr. Werner Keil, den Archäologen Prof. Dr. Adolf Heinrich Borbein und den Historiker Prof. Dr. Volker Hunecke zusammen mit einem großen Team aus Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern damit, den Frankfurter Nachlass vollkommen neu zu edieren.

Unter der Leitung von Professor Bernauer erschienen die Aufzeichnungen zum 200. Todestag Heinses im Jahr 2003. 2005 folgten drei Kommentarbände. Die Ausgabe erschließt ein gewaltiges Wissensspektrum des 18. Jahrhunderts, das von der bildenden Kunst und der Musik, der Literatur und der Ästhetik, der Philosophie und dem Staatsrecht bis zur Medizin reicht.

Die im Folgenden vorgestellten Auszüge sind während Heinses Reise durch die Schweiz und Italien von 1780-1783 entstanden und dieser Ausgabe entnommen.

Vor dem Rheinfall

Philippe Jacques de Loutherbourg: Der Rheinfall bei Schaffhausen

[Bildquelle:

Victoria and Albert Museum, London

]

Es ist, als ob eine Wasserwelt in den Abgrund aus den Gesetzen der Natur hinausrollte. Die Gewölbe der Schaumwogen im wüthenden Schuß flammt ein glühender Regenbogen wie ein Geist des Zorns schräg herab. Keine Erinnerung, der höchste Flug der Phantasie kanns der gegenwärtigen Empfindung nachsagen. Die Natur zeigt sich ganz in ihrer Größe. Die Allmacht ihrer Kräfte zieht donnernd die kochenden Fluthen herab, und giebt den ungeheuern Wassermassen die Eile des Blitzes. Es ist die allerhöchste Stärke, der wüthendste Sturm des größten Lebens, das menschliche Sinnen fassen können. Der Mensch steht klein wie ein Nichts davor da, und kann nur bis ins Innerste gerührt den Aufruhr betrachten. Selbst der schlaffste muß des Wassergebürggetümmels nicht satt werden können. Der kälteste Philosoph muß sagen, es ist eine von den ungeheuersten Wirkungen der anziehenden Kraft, die in die Sinne fallen. Und wenn man es das hundertste mahl sieht: so ergreifts einen wieder vom neuen, als ob man es noch nicht gesehen hätte. Es ist ein Riesensturm, und man wird endlich ungeduldig, daß man ein so kleines festes mechanisches zerbrechliches Ding ist, und nicht mit hinein kann. Der Perlenstaub, der überall, wie von einem großen wüthenden Feuer herumdampft, und wie von einem Wirbelwind herumgejagt wird, und allen den großen Massen einen Schatten ertheilt, oder sie gewitterwolkicht macht, bildet ein so fürchterliches Ganzes mit dem Flug und Schuß und Drang, und An- und Abprallen, und Wirbeln und Sieden und Schäumen in der Tiefe, und dem Brausen und dem majestätischen Erdbebenartigen Krachen dazwischen, daß alle Tiziane, Rubense und Vernets vor der Natur müssen zu kleinen Kindern und lächerlichen Affen werden. O Gott welche Musik, welches Donnerbrausen, welch ein Sturm durch all mein Wesen! heilig, heilig, heilig! brüllt es in Mark und Gebein, kommt, und laßt euch die Natur eine andre Oper vorstellen, mit andrer Architektur, und andrer Fernmahlerey, und andrer Harmonie und Melodie, als die von jämmerlicher Verschneidung mit einem winzigen Messer euch entzückt. Es ist mir, als ob ich in der geheimsten Werkstatt der Schöpfung mich befände, wo das Element von fürchterlicher Allgewalt gezwungen sich zeigen muß, wie es ist, in zerstürmten ungeheuern großen Massen. Und doch läßt das ihm eigenthümliche Leben sich nicht ganz bändigen, und schäumt und wüthet und brüllt, daß die Felsen und die Berge neben an erzittern und klingen, und der Himmel davor sein klares Antlitz verhüllt, und die flammende Sommersonne mit mildern Strahlen drein schaut.

Vor dem Rheinfall (15. August 1780), Wilhelm Heinse: Die Aufzeichnungen. Frankfurter Nachlass. Hrsg. Von Markus Bernauer u.a. 5 Bde. München 2003-2005 – Bd. 1, S. 458f.

Über Laokoon

Laokoon. Vatikanische Museen, Cortile del Belvedere. Zustand vor der Restaurierung 1957/60

Es ist der Moment, wo das Gift schon anfängt zu wirken, und das Leben im Innern zerreißt. Der Kopf des Alten ist schon davon wie trunken, u die linke Hüfte schwillt entsetzlich. Er hat sich gewehrt u gekämpft, so lang er gekonnt hat, aber endlich sinkt er auf den Altar mit den zwey kleinen Stufen. Das ganze Leben ist bey ihm in Arbeit, u die Spannung aller Muskeln kann nicht höher getrieben werden ohne Verrückung. Die Nerven zucken durchaus, u das Fleisch kann in der That mit nichts anders als einer stürmischen See verglichen werden. Die Mannichfaltigkeit geht durchaus u alles regt u bewegt sich, nichts ist todt u bloß zur Ausfüllung da. Der rechte Arm ist ein wahrer harter Teig, der bloß die gehörige Form hat, ohne daß irgendwo die innre Regung lebendig durchleuchtet. Die Kinder sind nicht so schön, aber doch haben sie gehörig Leben und Ausdruck, u mehr würde die Einheit des Ganzen schwächen, so macht es eine vollkommne Gruppe. Der unverwundete hat ein sehr interessant Gesicht, dessen Ausdruck gefühlt ist; der kleine ist durchaus bloß leidend, sein bisgen Streben ist zu unvermögend u fast unmerklich, jedoch das Händchen am Kopf der Schlange fürtreflich angebracht, u ganz in Kindsnatur. Mit einem Wort, alle Linien des Lebens sind da, u es ist ein Sturm von Schönheit. Ueberspannung, Schreyen zum Verzerren geht aus der Natur heraus u kann bloß deßwegen nicht mehr schön seyn; u doch zeigt mir den Fall, wo es philosophisch nothwendig bey einem jungen schönen Körper ist, u ich will euch beweisen, daß es auch alsdenn schön ist.

Über Laokoon (1782/83). Heinse, Die Aufzeichnungen, Bd. 1, S. 771f.

Über den Hermaphroditen Borghese

Hermaphrodit. Ehemals Villa Borghese, seit 1807 Paris, Louvre

Hermaphrodit hat sich mit der Decke umgewälzt, u man sieht darin noch die Bewegung in den Falten. Das linke Bein hält der Kitzel gekrümt und gebogen, und das rechte streckt er aus, daß die Decke sich straff spannt, und bis in die äußersten Zähspitzen starren und schwellen die Wollustnerven vom ganzen Körper. Sie drückt den rechten Schenkel an, läßt der vollen Schaam Raum, eingezogen u aufgehoben, und dreht den Kopf auf die andre Seite mit zugemachten Augen jungfräulich züchtig zurück. […] Hermaphrodit; das höchste Bild der Wollust.Man wird dabey zum Tantalus, u ärgert sich, daß die göttlich schönen Formen von Stein sind. Der Arsch u die Taille in ihrer reizenden Kontur, u die Lage der Verzweiflung mit Kopf u Beinen u Schenkeln aufgebuhlt von hinten entzückend; zarter Fleisch in Stein giebts nicht. Die linke Hand nur allein. Es ist ein solches Leben drin, daß man glaubt, er springt vor Geilheit auf u davon. Er liegt so recht da, wie eine süße reife Frucht für den Schwanz, der wie ein schäumender wilder Tieger darüber hermöchte.

Über den Hermaphroditen Borghese (1782/83). Heinse, Die Aufzeichnungen, Bd. 1, S. 1005 und 1012.

Auf den Weg nach Assisi

Assisi, S. Maria degli Angeli: Ansicht des Inneren. Stiche von Giambattista Mariani (1821)

Entsetzliches Gewitter, wo es rund um mich einschlug, sodaß ich in Flammen stand, aber ohne Regen, wie meistens die welsche Poesie ohne Empfindung. Ich flüchtete mich endlich in das erste Kloster, welches der hl. Franciscus anlegte, wie die Inschriften am Altare sagen. Die ersten Mönche waren fast alle von Assisi, an der Zahl zwölf. Viele Mädchen und Weiber u ein Paar Männer vom Felde, wo sie Korn gesammelt hatten. In Italien arbeitet man überall Sonntags; es ist genug, wenn man seine Messe hört. Das Kloster liegt 2 Miglien von Angeli.

Abends angelangt zu Angeli. Gut gegessen u getrunken. Padre Penitenziario ein Ungar, Organist, gute Haut. Der Padre Marcellino un Porco di S.Francesco; wie ich ihm alle die Reize von dem Thal di Spoleto erzählt hatte, blieb er ganz still dabey; aber wie ich nur das Wort trotte vom Clitumnus nannte, schmatzte er in der That wie ein Schwein u wurde lebendig, cattera! rief er aus. Wie ich dem Layenbruder sagte ho studiato le scienze verstund er stuccatore, und sagte: ah damit verdient man viel Geld in Italien, das ist ein gut Handwerk, das geht.

Den 14 Jul. Kirche la Portiuncula.

Von herrlicher majestätischer Proportion durchaus. Das Ganze macht einen reinen Klang in der Seele wie C dur, oder der Jonische Rythmus; Alles weit und frey und voll Raum; simpel und ungeziert. Ein Paar Gemählde von Raphael an Ort und Stelle wo sie hingehören, würden ihr gut lassen; es wäre zu wünschen, daß die schlechten Mahlereyen in den Kapellen weg wären. Die ganze Form ist ein Oblongum, wo am Ende die Kuppel in der Mitte sich erhebt und das Licht davon herein bricht. Hinten ist der Chor mit rundem Ende und drey großen u drey kleinen viereckten Fenstern angefügt u erhebt sich von dem Boden mit vier Marmorstufen die mit einem weißen marmornen Geländer eingefaßt sind. Er hat gerad nur die Breite des mittlern Schiffs; u der Baumeister hat sich glücklich aus der albernen Form des Kreuzes damit weggestohlen, es scheint eins wegen der Kuppel und den nicht zugemauerten Seitenkappellen, ist aber keins. Rechter Seite des Chors ist eine Privatchor; u linker die Sakristey. Die Rundung am Ende geht aus dem Oblongum heraus. Die Ordnung ist durchaus dorisch, u die Dreyschlitze allein in den Friesen. Die Kuppelpfeiler unterscheiden sich nicht von den andern, wie man zur Schande des Baumeisters aus Bernouillis Reisebeschreibung im Steigbügel gemacht glauben sollte.

Auf den Weg nach Assisi (13./14. Juli 1783). Heinse, Die Aufzeichnungen, Bd. 1, S. 1165f.

Francesco Vanni: Allegorie der unbefleckten Empfängnis (S. Margherita, Cortona)

Francesco Vanni: Unbefleckte Empfängnis. Cortona, S. Margherita

Das Hauptgemählde der Kirche ist an der zweyten Kapelle rechter Hand vom Haupteingang; in der That ein fürtreflich Stück und das schönste von Kortona. Das Ganze stellt eine Madonna vor die allerley Thiere u Gestalten der Hölle unter ihren Füßen hat in der Luft schwebend von Wolken getragen, in göttlichem Glanz neigt sich zu ihr Gott der Vater mit einem absurden süßlichem Gesichte, das viel verderbt. Unten stehen vier Heiligen u beten sie an S. Dominicus, S. Francescus, S. Ludovicus, und die heilige Margaretha, u eben dieser ein reizender Engel mit blondem Köpfchen, welcher eine Tafel in der Hand hält, worauf geschrieben steht Ab originali praeservata. Neben diesem ein paar gebundene nackte Figuren im Schatten, nur vom Oberleib zu sehen. Die Madonna hat ein reizend göttlich Köpfchen voll Naturgestalt, u Süßigkeit u Heiligkeit. Der hl. Dominicus hält den hl. Francesco umfaßt, u der hl. Ludovicus kniet, u ist fürtreflich samt seinem Gewand gemahlt; die hl.Margaretha macht mit ihrem Alter u ihrem Charakter u Nonnenhabit einen schönen Kontrast. Kurz, es ist ein Meisterstück, alle Köpfe sind vortreflich von Gestalt u Ausdruck, bis auf Gott den Vater, wenn dieser weggemahlt wäre, so wär es in seiner Art ein klaßisch Werk. Ich habe es nicht genug ansehen können.Unser Herr Gott ist gerad mit einem Gesicht gemacht, als ob er die Madonna gnädig vögeln wollte; und sie schaut ihn an, wie eine Cirkaßerin einen alten Sultan mit Demuth u göttlich lieblichen Augen.Madonna, S. Ludovico u der Engel sind die drey besten Figuren;wem der Engel gehört ob dem Baroccio oder Vanni muß die Geschichte zeigen.

Francesco Vanni: Allegorie der unbefleckten Empfängnis (S. Margherita, Cortona) (17. Juli 1783). Heinse, Die Aufzeichnungen, Bd. 1, S. 1178f.

Über Tizians Venus von Urbino

Tizian: Venus von Urbino, Uffizien, Florenz

[Bildquelle:

The Yorck Project

]

Das linke Bein hat einen der reizendsten Konturen; und das erhobne rechte Knie läßt unten die ganze wollüstige Form u Farbe vom Schenkel sehen. Der Kopf wahre Gestalt, aber matt u ungeformt gegen die griechische; ganz hingelassen gestreckt zerfloßen nachdenkend. Die Blumen in der rechten geben der Hand durch den reflex ein schönes Kolorit, u drücken den Körper zurück. Der Unterleib wie weit unter der griechischen kräftigen Form.Die Lage ist äußerst reizend u sömmerlich wollüstig. Die Mezzotinten sind Violet.

Sie giebt sich ganz preis, u wartet mit Verlangen furchtsamlich geil auf den Kommenden. Man siehts ihr deutlich an, daß schon alles Jungfräuliche durch u weggevögelt ist; es ist nur Schaam da vor mehrern zugleich, wenn sie auf einmal kommen sollten. Ihr Haar ist blond, kastanienbräunlich u schön verstreut über die rechte Schulter, u ein Streif auf den linken Arm. Der Schatten an der Schaam, in deren Ritze gerad die zwey ersten Finger der linken Hand mit den Koppen hinein fühlen, u die empor schwellenden Schenkel vorn sind äußerst wollüstig. Die großen braunlich grünlichen Augen mit den breiten Augenbraunen liegen im Wasser. Sie ist lauter Hurenhuld, es recht zu machen. […]

Venus Tizians liegt gerad auf dem Arsch, und ein klein wenig kömt noch die linke Seite hervor. Die Mitte sollte mehr angezeigt seyn; so ist sie gar zu los gelassen bis zur Schlappheit. Aber ein rechtes Wollustferkel von den Hüften bis zu den Kniekehlen um den Hintern herum liegt sie da. Die Brüste sind herrlich angedeutet, besonders steht die linke empor spitz straff. Hund, u Kupplerin, u Weib das den Putz in der Kiste sucht u Gartenfenster im Morgenlicht verzieren treflich. Sie neigt ein wenig den Kopf vorwärts.

Über Tizians Venus von Urbino (Juli 1783). Heinse, Die Aufzeichnungen, Bd. 1, S. 1215 f. und 1220.

Über Tizians zerstörten Petrus Martyr (ehemals SS. Giovanni e Paolo, Venedig)

Tizian: Petrus Martyr (ehemals SS. Giovanni e Paolo, Venedig, 1867 verbrannt). Stich von Martin Rota (2. Hälfte 16. Jh.)

Der Tizian in S.Giovanni e Paolo ist ein Triumph und das höchste, was von ihm ist und überhaupt das fürtreflichste was von Mahlerey die Venezianische Schule aufzuzeigen hat. Das Stück ist voll Natur und Schönheit; und macht ein entzückend Ganzes. Die Scene schon ist äußerst lebendig; wie herrlich die Landschaft, welche Localfarben haben nicht die schlanken Stämme der hohen Kastanienbäume! wie verliert sich das Land in ferne blaue Felsen! Der Mörder ist voll Feuer und Mörderausdruck und Räuberischem Wesen in Gestalt und Stellung und jeder Gebehrde bis auf die Kleidung und sein Kolorit. Der heilige hat ganz das Entsetzen eines Ueberfallnen, und eines guten weichen Mannes der sein Leben banditenmäßig verliert. Auf seinem Gesicht ist die Bläße der Todesangst; und mit welcher Natur in der Lage ist er niedergeworfen! Der, welcher flieht, ist eben so täuschend in allen Theilen, und ein Bild der Todesangst. Die drey Figuren machen einen fürtreflichen kontrast in Stellung, Charakter und Kolorit, und Gewändern. Das Nackende ist meisterhaft, und die Beleuchtung und der Ton im Ganzen unter und neben u zwischen den Bäumen hält es schön beysammen. Zwischen den Bäumen schweben zwey Engelchen von höchster Schönheit, besonders hat der rechter Hand eine reizende Schwebung und das lieblichste lebendigste Fleisch.

Und doch wie wirft Natur alle Kunst über den Haufen! Gleich daneben kniete eins der schönsten Venezianischen Mädchen, eine wahre Laura, nur reizender und heitrer und natürlicher. Welche Freyheit und reine Süßigkeit in ihrem Blick! und welch ein Geist im Zug ihrer netten festen Nase hervor, und welch ein Zauber Götterbeglückendes Wesen in ihrem Mund! Die Brüste wie zart empor schwellend! ihr Leib wie schlank zur seeligen Umarmung! So ein Geschöpf wirft bey einem Natursohn Römische Göttinnen auf die Seite.

Über Tizians zerstörten Petrus Martyr (ehemals SS. Giovanni e Paolo, Venedig) (3. August 1783). Heinse, Die Aufzeichnungen, Bd. 1, S. 1245f.

Über den Mailänder Dom

Der Dom von Mailand. Blick von Norden auf Chor und Vierungsturm. Stich von Domenico Aspari von 1791

Der Dom ist das herrlichste Sinnbild der christlichen Religion, das ich noch gesehen habe; gigantisch und handwerksburschenmäßig in Plan und Ausführung; ein Werk der allermächtigsten Einfalt mit einem Plan nach dem Kreuze, so natürlich wie ein Kind finden kann. Die Verzierungen passen recht treflich dazu, und sind so recht für alte Weiber und dumme Bauernbuben; statt der Kapitäler der achtgefachen Säulen lauter kleine Heiligen mit einem ganz kleinen Thron ein jeder. Und so, glaub ich, giebts keinen Propheten und Apostel und bekannten Heiligen mehr, der hier nicht innen u außen, oder in den gemahlten Fenstern seinen Platz hätte. Die Zahnstocher, die von außen auf jedem Pilaster mit einer Figur vollends kommen, machen das Werk so recht Ygelborstig. Die Madonna präsentiert schön oben verguldet auf der spitzen Kuppel, u neben an verschiedne Engel u Apostel.Mit den Thüren vorn im antiken Geschmacke zu dem krausborstigen Gothischen stellt es so recht die christliche Religion bis auf unsre Zeiten vor, und was Calvin und die Berliner, und andre neuere Pharisäer daran gekünstelt haben. Eine größere Anzahl von Wechselbälgen giebts wohl nicht so beysammen, als die Statuen in und außer dieser Kirche ausmachen. Sie muß ungeheure Summen gekostet haben, u noch kosten, da alles von außen von Marmor ist, u so meistens auch innen. Gestehen muß man gewiß, daß ein solches Gebäude ganz anders zum christlichen Glauben paßt, als die Peterskirche in Rom und die Rotunda; wo man sogleich sieht, daß die Leute, die es bauten und bauen ließen, kein Quentchen Ueberzeugung von ihrer Religion hatten. Diese hingegen zeigt nichts in ihren düsterm Chor und scharfen spitzen Bogenwinkeln, und ungeheuern Säulen ohne lebendige Form, und dem Haufen Unsinn von Verzierung als Hölle, Tod u Verdammniß, und einen erschrecklichen Gott der jeden kleinen menschlichen Fehler mit ewigen Quaalen straft, und eine rasende Menge Tröpfe; Fantasten und Betrieger.

Inzwischen macht er immer besonders im Anfang eine sehr starke Wirkung auf jeden, wegen seiner koloßalischen Höhe, dem freyen Raum, der durch die Säulen weit weniger als die Pilaster gehemmt wird, und wegen des düstern Lichts der gemahlten Fenster, zumal hinten im Chor; und der Plan überhaupt ist einfach und hat nichts anstößiges im ersten Blick.

Über den Mailänder Dom (13. August 1783). Heinse, Die Aufzeichnungen, Bd. 1, S. 1274f.

Video-Reihe zum Projekt

L.I.S.A.Lesung aus dem Nachlass von Wilhelm Heinse

Einführung von Prof. Dr. Markus Bernauer

Projektinformationen

Projekttitel Kommentierte Gesamtausgabe des Nachlasses von Wilhelm Heinse
Projektleitung    Prof. Dr. Adolf H. Borbein Prof. Dr. Dr. h. c. Thomas W. Gaehtgens Prof. Dr. Volker Hunecke Prof. Dr. Werner Keil Prof. Dr. Norbert Miller
Koordination Prof. Dr. Markus Bernauer
Institution TU Berlin
Fachbereich Literaturgeschichte
Datierung 1768 n. Chr.

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Projektort
   
Projektleitung
Prof. Dr. Markus Bernauer
Prof. Dr. Adolf H. Borbein
Prof. Dr. Dr. h. c. Thomas W. Gaehtgens
Prof. Dr. Volker Hunecke
Prof. Dr. Werner Keil
Prof. Dr. Norbert Miller

Sofern nicht anders angegeben, sind die Abbildungen den Bänden 3 und 5 von Heinses Aufzeichnungen entnommen. Foto Prof. Dr. Volker Hunecke: Annette Koroll.

1991

Wissenschaft international – Stationen einer Karriere

 

1981

Der erste Stiftungslehrstuhl